Die Kugeln in unseren Köpfen


"Ein Gewissen ohne Weichspülerflasche
ist mir so fremd, wie ein Norwegen ohne Kastagnetten."

"Sie meinen wohl Spanien?" 
fragt Inge Meisel.

"Nein, ich meine Norwegen. Dort war ich noch nie. Ein Norwegen ohne Kastagnetten ist mir daher genauso fremd wie ein Norwegen mit Kastagnetten."

"Sie reden wirr", versetzt Inge Meysel.
"Sie sollten etwas frische Luft schnappen."


Lotsa lotsa leggggggs 

Ich bin jüngst mit einem interessanten Fall von verkürzter Faktenvermittlung konfrontiert worden. Die Wiener "Kronen-Zeitung" berichtete über das Damentrio, welches dieses Jahr Deutschland beim Grand Prix de la Chanson vertreten wird. Der Journalist wollte rüberbringen, daß es sich um ein gesamtdeutsches Gesangsteam handelt, denn eine der Damen stammt aus Frankfurt an der Oder. Allerdings vermutete der Autor wohl, daß die meisten Österreicher nicht wissen, ob diese Stadt im Osten oder Westen des verhaßten Nachbarlandes liegt. Daher gab er den Herkunftsort der Sängerin mit »Frankfurt an der Ost-Oder« an.

Das finde ich innovativ, und es kann von mir aus Schule machen. Wenn man z. B. trotz Platzmangels ausdrücken möchte, daß in dem anderen, größeren Frankfurt das Satireheftchen "Titanic" ersonnen wird, dann kann man die Stadt ja einfach »Frankfurt am Witzemacher-Main« nennen, und jeder weiß, was gemeint ist. In diesem Aufsatz soll aber von Berlin an der Damenklo-Spree die Rede sein.

Glücklicherweise nicht oft, aber immerhin manchmal passiert es in Gaststätten, daß entweder das Damen- oder das Herrenklo kaputt ist und beide Geschlechter sich eine Örtlichkeit teilen müssen. In solchen Fällen ist eine Verhaltensveränderung festzustellen. Während Männer ihre Damentoilettenbesuche eher befangen absolvieren, erblühen Frauen in Herrentoiletten zu ungewohnter Vulgarität, zumal wenn sie in kleinen Gruppen dort eintrudeln kriegen sie sich gar nicht mehr ein vor lauter Lust und Laune. Man hat in diesen Situationen aber auch Gelegenheit, liebgewordene Vorurteile zu revidieren. Ich war z. B. bis vor kurzem völlig davon überzeugt, daß an allen, aber auch wirklich allen Damenklotüren der Satz steht: "Als Gott den Mann schuf, übte sie nur", obwohl ich seit Jahren keinen gegengeschlechtlichen Abort aufzusuchen genötigt gewesen war. 

Nun schwebte aber kürzlich eine düstere Wolke mit der Inschrift "Herrenklo kaputt" über das Land und hatte die Laune, es sich just über dem Lokal gemütlich zu machen, in welchem ich einen Abend ausklingen ließ. Und wie ich fremdelnd saß auf der gegnerischen Kloake, bemerkte ich, daß das mit dem "übte sie nur" dort gar nicht stand, sondern nur: "Was benutzen Elefantinnen als Tampons? Schafe!" Das klingt sehr nach Gary Larson, dachte ich, aber es mag auch einer lustigen Dame eigene Leistung sein. Man weiß es nicht. Des weiteren fiel mir das makellose Weiß des Toilettenspülkastens ins Auge. Herrenspülkästen sind oft übersät mit braunen Flecken, weil gewisse Existenzen es nicht lassen können, während ihrer Verrichtungen brennende Zigaretten auf dem Spülkasten abzulegen. Eines Tages werde ich, wenn auch unter einem Pseudonym, einen 128 DM teuren Bildband herausbringen, der große Mengen künstlerisch gemeinter Photos mit verkokelten Spülkästen zeigt. Diese repräsentative Geschenkidee wird heißen: "Ich klage an, wenn auch unter einem Pseudonym." Drittens bemerkte ich im Damenklo die Anwesenheit eines Abfalleimers. Aufgrund der großen Spannweite meines Wissens mußte ich nicht lange über seinen Zweck rätseln. Wohl aber rätselte ich darüber, was Herren in einen solchen Behälter tun würden, wenn es auf ihren Toiletten einen gäbe. Mir fiel absolut nichts ein. Frauen dagegen, das vermute ich tolldreist, benutzen das Verdauungsfinale gern dazu, ihre Handtasche auf den Schoß zu nehmen und diese gründlich auszumisten. "Ein Interflug-Erfrischungstuch! Ein Reichsbahn Pfefferminzbonbon! Fort mit diesen Dingen! Ein Bierdeckel mit der Anschrift eines Kavaliers vom letzten Tanzvergnügen! Pah, aus der Welt damit! Eine Tube Kieselerde-Gesichtsmaske mit Haltbarkeitsdatum 1982! Jahrelang sinnlos mit herumgeschleppt! Das soll ein Ende haben! Und diese angebissene Tafelbirne von der Silberhochzeit Tante Julias benötige ich auch nicht mehr!" Im Nu hat die Dame den Eimer gefüllt.

Gewiß haben Frauen recht, wenn sie von Zeit zu Zeit die Birnengriebsche aus ihren Handtaschen entfernen. Den Bierdeckel hätte ich aber behalten. Ich liebe Zettel mit handschriftlichen Mitteilungen. Mein schönster enthält eine Kurzkorrespondenz zwischen einem Nachbarn und einem Herrn von der GASAG, das ist die Berliner Gaszählerablesegesellschaft. Der Nachbar wollte dem Gaszählerablesebeauftragten mitteilen, daß er gar kein Gas habe, und klebte ein kleines gelbes Haftzettelchen an seine Wohnungstür, auf dem stand: "Ich habe nur Elektrogeräte." Der GASAG-Mann schrieb darunter: "Das wissen wir!" Diesen Zettel mopste ich. Manchmal, in köstlichen Stunden abendlicher Muße, nehme ich mir eine Flasche Mosel-Saar-Ruwer-Wein, schlüpfe in meine Lieblingsstrickjacke, setze mich in den Ohrensessel und knipse die Stehlampe an. Knips! Das ist ein hübsches Geräusch, leider etwas kurz. Daher ziehe ich noch mal an der Schnur. Knips! Leider ist es nun ganz dunkel. Aber wenn ich ein drittes Mal an der Schnur ziehe, wird es ja wieder hell. Die Welt bietet soviel Trost. Man muß ihn nur entdecken. Knips! Und nun nehme ich mir das gelbe Zettelchen und betrachte es im Schein der Lampe. "Ich habe nur Elektrogeräte." "Das wissen wir!" Es geht ein eigentümlicher Reiz von diesem Zettel aus. Er ist so eigentümlich, daß ich drauf und dran bin, das Wort "eigentümlich" mit th und y zu schreiben. Und auf das Ypsilon würde ich am liebsten noch zwei Umlaut-Pünktchen machen. Das würde der Eigentümlichkeit des Zettels nur gerecht werden. Man kann sich stundenlang mit dem Zettel gedanklich beschäftigen. Z. B. habe ich auch kein Gas. Was würde wohl passieren, wenn ich bei der nächsten Zählerablesung auch einen Zettel an die Tür klebte: "Ich habe nur Elektrogetäte, z. B. eine schöne Stehlampe mit Fransen dran." Würde der GASAG-Mann auch darunter schreiben "Das wissen wir!"? Wenn ja, wäre ich ganz schön geschockt. Woher weiß der, daß ich eine Stehlampe habe? Das ist ja schrecklich! Befinde ich mich hier in einem freien Land oder bin ich gläserner Bürger in einer von Grusel-Altmeister Hitchcock verfilmten Zukunftsvision von Zukunftsvisionen-Altmeister Orwell? Bestimmt weiß die GASAG sogar, wie viele Fransen meine Stehlampe hat. Das weiß noch nicht mal ich!

Im vorangegangenen Absatz gab ich an, daß ich einen Zettel gemopst habe. Dies erlaubte ich mir, weil mein Nachbar ein ganz anderes Naturell hat als ich. Nie hätte ihm der Zettel zur feierabendlichen Ergötzung gereicht. Er hätte ihn verstoßen und fortgeworfen. Normalerweise bin ich ein glühender Geißler des Mopsunwesens. Als Kind war ich allerdings ein Schrecken des südniedersächsischen Einzelhandels. Damals wurden die Brötchentüten noch nicht zugeknipst, und heimlich tat ich noch teure Süßigkeiten in die Beutel, bevor ich zur Kasse ging. Ich war einmal, so will es scheinen, eine Kreatur mit miserablen Eigenschaften! Gerne würde ich noch heute an den Spätfolgen jener schweren Strafen psychisch leiden, die mir damals leider nicht zuteil wurden, weil ich natürlich nicht so doof war, mich erwischen zu lassen. Höre ich heute von Leuten, die anderen etwas wegnehmen, verfinstert sich mein Blick derartig, daß die Menschen mir Würste und Brathähnchen opfern wollen, weil sie mich für den Herrscher der Finsternis halten. Doch ich mag Brathähnchen nicht. Vor kurzem hatte ich das nicht sehr große Vergnügen, in ein besetztes Haus hineinzugehen. Bei den Bewohnern handelte es sich um theoretisch nette junge Hüpfer, die aber nicht nett hüpften, da sich in ihren Köpfen kein Gedanke um etwas anderes als um Diebstahl und Rauschmittelkonsum drehte. Täglich mopsten sie mehrere Flaschen echten Champagners; bei deutschem Sekt rümpften sie die Nase. Sie kackten ohne Tür, und ihre träge, parasitäre Existenz rechtfertigten sie mit einem politischen Bewußtsein, welches aus einer durcheinandergeratenen Sammlung von Klosprüchen aus der Generation ihrer Eltern bestand. Gern, ja überaus gern sogar, verließ ich diesen durch und durch unguten Ort. Ich will natürlich nichts verallgemeinern. Ich bin mir vorsichtshalber völlig sicher, daß es auch heute besetzte Häuser gibt, in denen die gute Tat, der kühne Gedanke und der Griff nach der Brauseflasche vorherrschen.

Zum Thema Brause fällt mir ein, daß das Getränk, das entsteht, wenn man Cola und Orangenlimo zusammengießt und welches normalerweise Spezi geheißen wird, in manchen Ausflugslokalen früher als »Jugenddrink« angeboten wurde. Interessant ist auch, daß der Marktführer unter den Plüschtausendfüßlern »Lotsa lotsa leggggggs« heißt. Die Menschen wissen ja immer nicht, über was sie mit anderen Leuten reden sollen, daher mache ich solche Mitteilungen. In einem Benimmbuch von 1940 fand ich mal eine Aufzählung von Sätzen, die geeignet sind, ein Gespräch mit einem Fremden einzuleiten. Der tollste war: "Gnädige Frau, würde es Sie interessieren, etwas über die herrlichen deutschen Mittelgebirgswälder zu erfahren?" Ich halte diesen Satz für wenig praktikabel. Darüber jedoch, wie Mischgetränke in den verschiedenen Teilen des deutschen Sprachraumes genannt werden, kann man sich stundenlang unterhalten, wenn man etwas darüber weiß. Ich meine jetzt keine Cocktails oder Spirituosenspezialitäten, ich meine lediglich die Resultate volkstümlichen Zusammenkippens. Leute mit Leistungsfach Lebensstil, Gourmets und Puristen rümpfen die Nase ob solcher Zusammenfügungen, das Volk beweist aber große Ungezwungenheit beim Mischen, es wird eigentlich alles mit allem vermischt. Bis vor ca. zehn Jahren war Kiba ein beliebtes Getränk, es bestand zu gleichen Teilen aus Granini-Nektaren der Geschmacksrichtungen Kirsche und Banane. Das tranken immer strenge, fleißige Mädchen, die die Party schon um elf verließen. Es war der Drink für die Frau, die "noch fahren muß". Am liebsten gemischt werden freilich Bier und Limonade. Das Ergebnis heißt in den neuen Ländern oft Potsdamer, in einzelnen deutschen Gegenden auch Tango, Fliegerbier, Hammel, Ententeich, Sport(ler)molle, in der Schweiz und im Saarland Panasch oder Panaché, in Schleswig sogar Schleiwelle, in den meisten Gebieten aber Alsterwasser oder Radler(maß). Viele sind der Auffassung, daß diese beiden Namen das gleiche bezeichnen, andere meinen, die eine Bezeichnung stehe für Bier mit Zitronenlimo und die andere Bezeichnung für Bier mit Orangeade. Tummelt man sich aber durch die deutschen Provinzen, wird man feststellen, daß beide Mischungen unter beiden Bezeichnungen ausgeschenkt werden. Mancher, der nur seine eigene Stadt kennt, neigt in bezug auf Mischgetränkebezeichnungen zum Fundamentalismus. Seine Augeln funkeln aggressiv, wenn man ihm sagt: "Mein Gutester, Alsterwasser ist nicht immer mit weißer Limo, das kann auch mit Fanta sein!" Solche Reden verstören manchen. Schauen wir einmal nach Berlin. Hier wird das Bier meistens mit Fanta vermischt, und beide Bezeichnungen koexistieren bar jeder Zwietracht. Zumindest im Falle des Alsterwassers kann man also sagen, daß dies eigentlich Bier mit Fanta ist, denn an welchem Fluß liegt Berlin denn? Na also. Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand die Stirn hat, mir ins Gesicht zu sagen, daß Berlin nicht an der Alster liegt. Im Sommer unternehmen wir ja auch immer unsere berühmten Floßfahrten auf der Alster. Es wird ein Klavier aufs Floß gehievt, und dann gehts mit Bier und Boogie-Woogie durch unser unverwüstliches Berlin.

Auch Rotwein mit Cola hat einen Namen, und der lautet meistens Korea, manchmal auch Ochsenblut oder Cola-Schorle. Bisweilen mißrät der Rotwein halt, wegen des Wetters oder weil die Frau des Winzers schwer atmend unter Bettwäsche mit verblichenen Walt Disney-Motiven liegt und gepflegt werden muß. Da ist der Wein nur noch mit Cola genießbar. Andernorts ist die Cola verhagelt und muß mit Altbier gemischt werden, das nennt sich Krefelder. Krefelder kann aber auch wieder Pils mit Limo sein. Die Welt der Mischgetränke ist nicht unverwirrend. Wilde, sonderbare Existenzen kippen gar Bier mit Cola zusammen und sagen Diesel oder Cola-Bier dazu, im Rheinland Drecksack, in Hessen auch Dreckisches (das sch weich sprechen wie das J in "J`ai seulement des appareils électriques"). Noch wildere vermengen Weißwein mit Fanta dies heißt angeblich Seiltänzerbouillon. In Adelskreisen, so hörte ich, trinkt man gern Kikeriki, was entsteht, wenn man Eierlikör in gelbe Limo gießt. Bier mit Sekt heißt Prokuristenbier, und ein Gemisch aus Wein und Sekt und manchmal auch Fruchtsaft heißt Kalte Ente, das trinken aber nur Omas und Opas bei Ehejubiläen. Die Mäntel der Gäste bilden während des Trinkens einen interessanten Mantelhaufen auf dem Bett des Jubelgespanns. (Deutsches Brauchtum!) Das verwegenste Mischgetränk gibt es an der Nordseeküste, es heißt Möwenschiß und besteht aus einem Klaren und grober Leberwurst. Oft sind Getränkenamen auf winzige Gebiete beschränkt. In Nienburg an der Weser versteht man unter einem Eskimo-Flip ein Gemisch aus flüssigem und festem Wasser, also Mineralwasser mit Eiswürfeln. Ich wüßte auch gerne, wie z. B. ein Mischgetränk aus Diät-Fanta und normaler Fanta im Markgräflerland genannt wird oder wie man in Vorpommern zu einem Gemisch aus kalter Milch und heißer Milch sagt. Man sollte eine kleine Expedition machen. Den Aral-Schlemmerführer in der linken Potasche, den Aral-Schlummerführer in der rechten Potasche und dann Brause saufen in den herrlichen deutschen Mittelgebirgswäldern.

Nun ist man also im Walde. Schön ist's dort. Knallrote Vögel sitzen in giftgrünen Sträuchern und quietschen vor Vergnügen. Dies sage ich in bitterer Erinnerung an einen Kunstlehrer, der mir mal eine Vier minus gab, weil ich ein Landschaftsbild in Rot und Grün malte. »Das sind Komplementärfarben, du Idiot«, brüllte der Idiot. Der soll mal in die Natur gucken. Überall giftgrünes Gesträuch mit knallroten Vögeln drin. Man muß nur die Augen aufmachen. Das Christentum wäre wohl kaum so groß rausgekommen, wenn die Menschen Gott für Vögel und Pflanzen eine Vier minus gegeben hätten. Zwar ist es schön im Wald, doch nun macht die weibliche Begleitung ein besorgtes Gesicht, denn sie muß mal. "Ich muß mal, ich muß mal, ich muß mal." Zwar könnte sie sich auch dem raschelnden Laub anvertrauen, doch manche Frauen mögen das nicht, weil sie fürchten, es könnten ihnen Schnecken oder Tausendfüßler in den Schlüpfer kriechen. Lotsa lotsa leggggggs! Brrr! Da kehren wir lieber zum Damenklo zurück. Einmal war ich mit einer lieben Dame in Budapest, und es ergab sich folgendes Zwiegespräch.

Sie: "lch muß mal aufs Klo!"
Ich: "Dann geh doch."
Sie: "Hier ist aber kein Klo."
Ich: "Dann mußt du dir eins suchen."
Sie: "Du, wenn du nur stänkern willst, dann schlag ich vor, daß wir den Rest der Reise getrennt verbringen."

Sie rauschte davon, und erst am Abend traf man sich wieder. Zu ihrer Ehrenrettung muß ich aber anmerken, daß wir seither bei jeder Begegnung die Situation nachspielen und daß sie dabei genauso herzlich lachen muß wie ich. Bei unserem letzten Treffen erzählte ich ihr von meinen Damenklobeobachtungen. Als Damenklobesucherin mit bald schon jahrzehntelanger Routine wußte sie manches zu ergänzen. Daß Gott nur übte, als sie den Mann schuf, stehe nur in etwa 50% aller Damenklokabinen. Aber in 90% von ihnen sei zu erfahren, daß Männer wie Toiletten seien, entweder besetzt oder ...  "Jaja, ich weiß, wie der Spruch weiter geht", unterbrach ich sie, "entweder besetzt oder ein klein wenig unreinlich." Die Freundin bestätigte schmunzelnd, daß genau dies der Wortlaut des populärsten weiblichen Toiletten-Evergreens sei. Viel typischer für das Damenklo sei aber der Ringkampf zwischen schmachtender Verliebtheit und weiblichem Selbstbewußtsein. Daß eine Frau schreibe "Peter, ich liebe dich, aber du bist es nicht wert" und eine andere hinzufüge "Lern erst mal, Frau zu sein". So etwas würde in Herrenkabinen nie stehen.

"Elvira, ich liebe dich, aber du bist es nicht wert."
"Lern erst mal, Mann zu sein."
"Ich habe nur Elektrogeräte."
"Das wissen wir!"

Etwas, was ebenfalls damenkloexklusiv sei, fuhr die Freundin fort, sei Graffiti mit Nagellack. Daß es aber in Damenklos keine von Zigarettenglut verkohlten Spülkästen gäbe, könne sie leider nicht bestätigen. Frauen seien inzwischen fast so üble Ferkel wie Männer. Das Entsetzen, das mich durchrieselte, als ich dies erfuhr, ist nicht mit Worten wiederzugeben. Mein schönstes Erlebnis mit Damenklobezug spielte sich auf einem Flughafen ab. Vor der Toilettentür umarmten sich ein Mann und eine Frau mit großer Leidenschaft. Die Frau ging hinein, der Mann wartete vor der Tür. Drei Minuten später kam die Frau wieder raus, und die beiden umarmten sich erneut, und zwar so, als ob sie einander wochenlang nicht gesehen hätten. So eine Liebe möchte ich auch mal erleben! Die Frau unter der Bettwäsche mit verblichenen Disney Motiven denkt auch: So eine Liebe möchte ich auch einmal erleben. Der Winzer, der ihr die Schweißtropfen von der Stirn tupft, denkt: Ich lieb sie nicht mehr ganz so sehr wie früher, doch sie ist mir momentan wichtiger als der Wein. 

Ich bin zufrieden.

***


Das Taschenbuch "Die Kugeln in unseren Köpfen" von Kolumnen-Altmeister Max Goldt ist im Wilhelm Heyne Verlag, München erschienen. Auf 219 Seiten enthält es 24 Kolumnen, die von Januar 1993 bis Dezember 1994 in der nämlichen Reihenfolge in "Titanic - Das endgültige Satiremagazin" erschienen und in dieser Konzentration erstmals veröffentlich werden. Daneben einige Zeichnungen von Tex Rubinowitz sowie Dokumente zeitgenössischer Farbfotographie auf extra weißem Papier, die ich nicht mehr missen möchte. Wenn man nicht wie ich das Glück hat, und es zum Geburtstag geschenkt bekommt, kostet es 16 Mark und 8 Groschen. Sollte es wieder einmal vergriffen sein, kann man es unter der Nummer ISBN 3-453-12518-5 bestellen. 

Max Goldt, geboren 1958 in Göttingen, lebt in Berlin; er ist Autor teils humoristischer Prosadichtungen und Dialogskizzen; schrieb neun Jahre kurz die Kolumne für das Monatsmagazin "Titanic"; bereist seit Ende der achtziger Jahre den deutschen Sprachraum als Rezitator eigener Texte; bildete früher mit Gerd Pasemann als Musikduo "Foyer des Art"; macht heute zusammen mit Stephan Winkler Musik und zusammen mit Stephan Katz Comics. Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung konnte man darüber hinaus folgendes lesen: 

Max Goldt hat ein Genre zum Kunstwerk gemacht, das vor ihm und neben ihm noch immer ein Schattendasein in der Zeitschriftenwelt zwischen "Bäckerblume" und "Brigitte" fristet: die Kolumne (...) Mit Onkel Max ist die Kolumne zur Poesie des Hochglanzmagazin- und Privatsender-Zeitalters geworden. (...) Das Komische und das Ernste sind bei Max Goldt nicht nur eineiige Zwillinge, ja sie sind eigentlich überhaupt identisch." (FAZ)

 

HOME.GIF (3602 Byte)
www.grosskurth.de


das Gästebuch 

      mail_me120.gif (1188 Byte)       
info@grosskurth.de