"Kohl hat entschieden, als
andere unentschieden waren"
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BUDAPEST, 19. September 2000. Ungarn hat den Alt-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl mit der neugeschaffenen "Millenniums-Medaille" in Gold ausgezeichnet. Kohl ist damit der erste Inhaber dieser Medaille, die an die Gründung des ungarischen Staates vor genau tausend Jahren erinnert und in einer auf zehn Stück begrenzten Auflage den ausländischen Politikern überreicht werden soll, die sich um Ungarns Freiheit und Rückkehr zur Demokratie am meisten verdient gemacht haben.
Ministerpräsident Orbán würdigte im Beisein des Staatspräsidenten Mádl und des Parlamentspräsiden- ten Áder vor großem Publikum in einer sehr persönlich gehaltenen Rede den Preisträger. Er stellte Kohl in eine Reihe mit Bismarck und Adenauer und fügte hinzu: "Er ist der zweite Staatsgründer. Und das kann ihm niemand nehmen." Deutschland habe es Kohl zu verdanken, daß es "das 21. Jahrhundert mit einer neuen Seite beginnen und alle Tragödien und schlechten Erinnerungen des 20. Jahrhunderts hinter sich lassen kann". Die Medien hätten Kohl nie geliebt, ihn "nie verwöhnt", lautete Orbáns einzige Anspielung auf Kohls heutigen, schweren Stand. Aber im Vergleich mit anderen schneidet Kohl nach Orbáns Urteil gut ab: "Er hat entschieden, als andere unentschieden waren, er hatte recht, als andere sich irrten, er handelte, als andere zögerten." Unter den Deutschen des 20. Jahrhunderts, an die man sich erinnern werde, werde Kohl im Laufe der Zeit immer mehr herausragen. Orbán wies darauf hin, daß der Westen Ungarn im Jahre 1990 auch deshalb nicht verlassen habe, weil es Staatsmänner gegeben habe, und zwar in erster Linie den deutschen Bundeskanzler, die gelernt hatten, "wie sehr die Völker Mitteleuropas einander brauchten und brauchen". Der Ministerpräsident machte aber deutlich, daß es Ungarn bei der Zuerkennung des Preises nicht allein um eine Rückschau ging. Die Verfechter der Europa-Idee könnten jetzt nicht nein sagen zur schnellen Erweiterung der Europäischen Union. "Bundeskanzler Kohl ist auch da konsequent geblieben, er hat Ungarns Beitritt zur EU unterstützt, und er unterstützt ihn auch heute", stellte Orbán fest. "Ohne Freunde würden wir daran zerbrechen, daß die Grenze der Europäischen Union noch immer dort verläuft, wo früher der Eiserne Vorhang verlaufen ist." Das - wegen des Fehlens von Mitteleuropa - heutige Rumpf-Europa berge noch viele Herausforderungen, sagte der an Jahren jüngste Regierungschef Europas, "auch für Bundeskanzler Kohl".
Der Preisträger griff in seiner Dankesrede Ungarns Beitrittsstreben in die EU besonders auf und sprach
vom "selbstverständlichen Platz in der Europäischen Union". Eindringlich wandte er sich der Schülergeneration zu. "Diese jungen Leute werden das Jahr 2050 erleben ... Wann je hatte eine Generation bessere Aussichten, ihr gesamtes Leben in Frieden zu verbringen? Das ist wohl das kostbarste Erbe, das wir jungen Menschen auf dem Weg in die Zukunft mitgeben können."
Die in fünfzehn Monaten in Paris und Rom mit dem Euro gezahlt werde, so werde "in wenigen Jahren auch in Budapest, Prag und Warschau" mit derselben Währung gezahlt werden, gab sich Kohl sicher. Dem müsse als nächstes jedoch eine gut vorbereitete, rasche Erweiterung der Europäischen Union vorausgehen. Dies sei nicht nur eine historische und moralische Verpflichtung, "sondern sie liegt auch im Interesse der Deutschen und der Europäischen Union", sagte der frühere Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende. In der ungarischen Hauptstadt nannte er wiederholt das Jahr 2004 als Zieldatum für die Aufnahme der nächsten Beitrittsländer, kritisierte aber auch die große Zahl von Kandidatenländern, die nun benannt sind. Kohl würdigte die Rolle Ungarns beim Einsturz des Ostblocks und der Berliner Mauer. Ausdrücklich erwähnte er in seiner Rede die beiden sozialistischen Politiker, die damals die Grenzöffnung - einen "großartigen Freundschaftsdienst" - verantworteten, den Ministerpräsidenten Nemeth und den Außenminister Horn. Und er empfahl denen, die Ungarns EU-Aufnahme mit Volksentscheiden hinausschieben wollten, sich immer wieder die Filme über den Grenzübertritt der ersten DDR-Flüchtlinge anzuschauen. Ebenso erinnerte er im Beisein der Witwe József Antalls und der heutigen MDF-Vorsitzenden, der Justizministerin Dávid, an den ersten demokratisch gewählten Regierungschef des Landes, der in enger Abstimmung mit Kohl schon 1990 den Beitritt Ungarns in die EU auf den Weg gebracht hat. In der ersten großen Rede, die Kohl nach langen Monaten gehalten hat, verwies er darauf, daß Europa ohne Ungarn ein Torso bleibe: "Ungarn braucht Europa, aber Europa braucht auch Ungarn." Zu der Erweiterung der EU gebe es im 21. Jahrhundert "keine verantwortbare Alternative".
Kohl, der in der ungarischen Hauptstadt von Passanten wiederholt mit spontanem Beifall begrüßt wurde, traf sich während seines gut zweitägigen Aufenthalts in Budapest mit den ungarischen Spitzenpolitikern Mádl, Orbán, Horn und Dávid sowie mit der Fraktionsführung des Fidesz, der größten Partei in der ungarischen Regierungskoalition, zu teilweise langen Einzelgesprächen.
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